2011 Evita

Wer war diese „Santa Evita“? Dies fragt Ché, bevor er zu erzählen beginnt, wie die in verarmten Verhältnissen aufgewachsene Maria Eva Duarte zur schillernden Persönlichkeit der Evita Peron wurde.

Eine Heilige oder nur eine mittelmäßige Schauspielerin? Während die strahlende Ikone der einfachen Bevölkerung Argentiniens ihre Treue zu Argentinien zeigt, spricht aus Ché der Widerstand der Studentenbewegung, die Evitas Aufstieg mit Skepsis betrachtet. Die Rolle ist zwar der historischen Figur des Ché Guevara nachempfunden, jedoch sind Ché und Eva sich in Wirklichkeit nie begegnet.

Selbst über 50 Jahre nach ihrem Tod, beeindruckt die Erinnerung an die ehemalige Primera Dama Argentiniens die Menschen auf der ganzen Welt.

EVITA ist ein Stück über eine Frau, die gegen alle Widerstände in der Gesellschaft nach oben gelangt ist, die „jung, schön und geliebt“ war, jedoch auch Zentrum vieler Kontroversen und zu guter Letzt: nicht mehr als ein Mensch.

Handlung

26. Juli 1952 in Buenos Aires: Der Tod von Eva Peron, bekannt als Evita, erschüttert Argentinien, die „geistige Führerin der Nation“ hat ihr Volk für immer verlassen. Doch während das Land trauert, blickt der Student Che zynisch auf ihr Leben zurück.

17 Jahre zuvor in einer ländlichen Kleinstadt: Die fünfzehnjährige Provinzschönheit Eva Duarte verführt den Tangosänger Agustín Magaldi und überredet ihn, sie nach Buenos Aires zu bringen. Eva verlässt ihn und wird durch zahlreiche Liebschaften erst Modell, dann Radio-Star und schließlich Schauspielerin.

Zugleich arbeitet auch der General Juan Perón an seinem Aufstieg. Als beide bei einem Wohltätigkeitsball aufeinander treffen, erkennen sie, dass sie sich von großem Nutzen sein können. Gemeinsam steigen sie in die höheren gesellschaftlichen Kreise Argentiniens auf. Eva muss sich dort gegen die Verachtung von Aristokraten und Militärs behaupten, jedoch mit Unterstützung der Gewerkschaften und Evas Einfluss auf die Arbeiter und Bauern erreicht sie Peróns Wahl zum Präsidenten Argentiniens.

Während Eva sich dem Volk gegenüber als eine von ihnen darstellt, gibt sie sich Luxus und Eitelkeit hin. Che erinnert sie jedoch an ihr Versprechen, die Situation der Armen im Land zu verbessern. Eva sammelt Geld und hilft damit den Bedürftigen, auch wenn dabei einiges unbemerkt auf Schweizer Banken verschwindet. Doch das begeisterte Volk feiert Eva unbeirrt als Heilige „Santa Evita“.

Auf ihrem Karrierehöhepunkt angelangt erkrankt Eva schwer. Unter dem Druck des Militärs und aufgrund ihrer Gesundheit, zieht sie ihre Kandidatur zur Vizepräsidentschaft zurück und trotz aller Mühen, kann man Eva nicht heilen. In einer letzten Radioansprache beschwört sie ihre ewige Liebe und Treue zu Argentinien und seinem Volk.

Nach ihrem Tod wird ihr Körper einbalsamiert und soll in einem Mauseleum ruhen, von dem jedoch nur der Sockel gebaut wird. Die Leiche Evitas wird außer Landes gebracht und bleibt 17 Jahre lang verschwunden.

Die Entstehung von „Evita“ als Nachfolger von „Jesus Christ Superstar“

Von Tim Rice, Autor des Librettos von “Evita”

Nicht alle der zahlreichen, recht fantastischen Geschichten über Eva Perón entsprechen der Wahrheit – aber ohne Frage: Sie war eine außergewöhnliche Frau. Kein Mensch kann Evita vorwerfen, dass sie sich verbissen aus der Gosse nach oben kämpfen wollte…

Als ich Ende 1973 in meinem Autoradio die letzten 10 Minuten einer Sendung über Eva Péron hörte, war ich keinesfalls sofort von der Idee elektrisiert, dass wir hier – nach unserem phänomenalen Erfolg mit „Jesus Christ Superstar“ – unsere ideale Story gefunden hätten. Aber immerhin war ich doch genügend davon gefesselt, um mir in den nächsten Tagen die Aufzeichnung der Sendung zu besorgen. Nachdem ich endlich das ganze Eva Perón-Funkprogramm gehört hatte, war ich gradezu begierig auf ihre Lebensgeschichte. Ihre Entschlossenheit, gegen unüberwindliche Unterschiede anzugehen, der Kampf einer Frau in einer von Männern beherrschten Gesellschaft, ihr Mut in Krankheit und Tod und – nicht zuletzt – ihre beeindruckende Erscheinung hatten mich gepackt. Man kann es wahrlich als Tragödie bezeichnen, dass sie ihre Talente, ihre einmalige Energie nicht für würdigere Ziele eingesetzt hat.

Nachdem wir beide, Andrew Lloyd Webber und ich, der Meinung waren, dass die Geschichte der Eva Perón stark und interessant genug sein könnte, um „Nachfolger“ von „Superstar“ zu werden, schrieb ich eine recht vollständige Inhaltsangabe der Handlung, die im Laufe der Zeit zwar zahlreichen und erheblichen Änderungen unterworfen wurde, aber doch in ihrer frühesten Form Andrew schon in die Lage versetzte, mit der Arbeit an ein oder zwei wichtigen musikalischen Themen zu beginnen. Dass eines davon am Ende die Melodie von „Don‘t Cry For Me, Argentina“ wurde, gab mir natürlich gewaltigen Auftrieb, denn ich wusste sofort, dass das der beste Song war, den Andrew bis jetzt geschrieben hatte.

Ende 1975 mussten wir uns entscheiden, ob wir eine Plattenaufnahme machen oder uns nach jemandem umschauen sollten, der es auf die Bühne bringen könnte. Wir beschlossen, „Evita“ erst einaml auf Platte herauszubringen. Diesen Weg waren wir bereits mit „Superstar“ sehr erfolgreich gegangen. Durch Zufall hatten wir so nämlich eine wirklich gute Methode entdeckt, um ein Musikwerk, das für das Theater bestimmt ist, optimal einzuführen.

Das Jahr 1976 verbrachten wir damit, die Plattenaufnahme vorzubereiten und einzuspielen, und im November dieses Jahres erblickte unser Werk endlich das Licht der Welt, als das Doppelalbum von „Evita“ in England auf den Markt kam. Während der kommenden 12 Monate wurde die Aufnahme weltweit recht populär, mit einer bemerkenswerten Ausnahme: Argentinien, wo die Platten bedauerlicherweise verboten wurden.

Von Kindesbeinen an war Eva Perón von dem sehnsüchtigen Wunsch nach Macht beseelt. Dieses Verlangen wurde durch einen heftigen Groll auf die privilegierten Schichten genährt, der mit der Tatsache zusammenhängt, dass sie selbst völlig verarmt und ohne jedes Vorrecht geboren wurde; viele wollten und konnten sie eben wegen ihrer bescheidenen Herkunft nie wirklich akzeptieren . Wenn sie in den Augen des etablierten Systems keine Anerkennung erreichen konnte, dann musste eben dieses System verändert werden.

Als Perón schließlich die Herrschaft in Argentinien übernahm, führte er den so genannten Justicialismo als offizielle Ideologie ein. Der Justicialismo wurde von Perón als Alternative sowohl zum Kapitalismus als auch zum Kommunismus dargestellt, als „dritte Kraft“ zwischen Ost und West. In Wahrheit aber verkörperte Perón nichts mehr und nichts weniger als den den ganz alltäglichen Faschismus, aber das Konzept des Justicialismo war der vollkommene Brennpunkt für Evas Fantasien, die sich an der Vorstellung entzündeten, Führer auf der unermüdlichen Suche nach dem Ideal zu sein.

Kein Mensch kann Evita vorwerfen, dass sie sich verbissen aus der Gosse heraus nach oben kämpfen wollte, und sicher war es ihr aufrichtiger Wunsch, größere soziale Gerechtigkeit in Argentinien verwirklicht zu sehen – ein Wunsch, der bis zu ihrem Ende trotz des erschreckenden Durcheinanders ihrer Gefühle unverändert galt. Hätte eine völlig selbstsüchtige Person sonst die letzten grauenvollen Monate mit solcher Würde durchstehen können? Sie schien tatsächlich zu glauben, sie sterbe für ihr Volk, sie wäre fähig es zu tun, denn sie glaubte auch fest daran, dass sie seit 1945 dessen Retterin gewesen sei.